ADHS mit 42 diagnostiziert
ADHS mit 42 diagnostiziert – und plötzlich ergab vieles Sinn
Viele Jahre meines Lebens wusste ich nicht, warum mir manche Dinge so unglaublich schwerfielen.
Viele Jahre meines Lebens wusste ich nicht, warum mir manche Dinge so unglaublich schwerfielen.
Warum mein Kopf niemals wirklich ruhig war.
Warum ich ständig erschöpft war, obwohl ich permanent kämpfte.
Warum ich mich oft anders fühlte als andere Menschen.
Ich dachte lange Zeit, ich sei einfach nur zu empfindlich, zu chaotisch, nicht belastbar genug oder irgendwie kaputt.
Depressionen, Ängste und emotionale Überforderung bestimmten über viele Jahre mein Leben. Doch dass hinter vielen Problemen möglicherweise noch etwas anderes steckt, ahnte ich damals nicht.
Der erste Hinweis kam tatsächlich über unsere Tochter.
Immer wieder hörten wir von anderen Menschen, dass wir sie vielleicht einmal auf ADHS testen lassen sollten. Doch ehrlich gesagt wollten oder konnten wir das zunächst nicht glauben.
ADHS?
Damit verband ich damals hauptsächlich das typische Bild von hyperaktiven Kindern, die nicht stillsitzen können.
Also schoben wir den Gedanken erstmal weg.
Irgendwann sagte dann jemand zu mir, dass vielleicht auch ich mich einmal auf ADHS testen lassen sollte.
Am Anfang hielt ich auch das eher für unwahrscheinlich.
Trotzdem begann ich, mich intensiver mit ADHS zu beschäftigen und darüber zu lesen.
Und plötzlich passierte etwas, das mich komplett überraschte:
Ich erkannte unglaublich viele Symptome wieder.
Nicht nur bei meiner Tochter.
Sondern auch bei mir selbst.
Die innere Unruhe.
Das Gedankenchaos.
Die Reizüberflutung.
Die emotionale Überforderung.
Das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können.
Die Konzentrationsprobleme.
Die Erschöpfung.
Das ständige Funktionieren müssen.
Je mehr ich las, desto mehr hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal mein eigenes Leben zu verstehen.
Und dann las ich, dass ADHS häufig vererbt wird.
Ab diesem Moment begann ich, mein gesamtes Leben plötzlich mit anderen Augen zu sehen.
Ich sprach schließlich mit meiner Psychologin darüber.
Sie nahm meine Vermutung ernst und testete mich zunächst selbst.
Danach empfahl sie mir eine weiterführende Diagnostik in der psychiatrischen Institutsambulanz.
Dort wurde ich erneut und deutlich ausführlicher getestet.
Die Diagnostik bestand nicht einfach nur aus ein paar Fragen.
Es ging tief in meine Vergangenheit.
Fragebögen.
Interviews.
Meine Kindheit.
Meine Schulzeit.
Zeugnisse.
Erinnerungen.
Erlebnisse aus meinem gesamten Leben.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass wirklich versucht wurde zu verstehen, warum mein Leben so verlaufen ist, wie es verlaufen ist.
Und am Ende stand die Diagnose:
ADHS.
Mit 42 Jahren.
Einerseits war diese Diagnose ein Schock.
Andererseits war sie auch eine unglaubliche Erleichterung.
Plötzlich ergaben viele Dinge Sinn.
Zum ersten Mal hatte das Chaos in meinem Kopf einen Namen.
Ich begann zu verstehen, warum ich mein Leben lang oft mehr kämpfen musste als andere Menschen.
Warum mich manche Dinge völlig erschöpften, die für andere selbstverständlich wirkten.
Warum ich mich so oft falsch, schwach oder kaputt gefühlt hatte.
Nach der Diagnose wurde ich über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt.
Über Therapieformen.
Über Strategien im Alltag.
Und auch über medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten.
Heute bekomme ich Elvanse.
Und ja — auch das war zunächst ein großer Schritt für mich.
Mittlerweile habe ich sogar einen Patientenausweis bei mir, da ein Drogentest der Polizei durch das Medikament zwangsläufig positiv ausfallen kann.
Allein dieser Satz zeigt manchmal schon, wie surreal sich diese Reise für mich anfühlt.
42 Jahre lang wusste ich nicht, warum mein Gehirn anders funktioniert.
Heute weiß ich es.
Die Diagnose hat nicht plötzlich alle Probleme verschwinden lassen.
Aber sie hat mir etwas gegeben, das mir viele Jahre gefehlt hat:
Verständnis für mich selbst.
Und vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Schritte überhaupt.